Aus den ersten 100 Jahren des Hauses „Carolinenfeld“ in Obergrochlitz
von Sven Michael Klein

Seit Menschengedenken gibt es durch einige wenige Enthusiasten immer wieder den Versuch, das Leid schwer geprüfter Menschen zu lindern. Dieser Grund führte in der Mitte des vorigen Jahrhunderts zur Gründung des Rettungshauses Carolinenfeld in Obergrochlitz.
Damals gab es überall in Deutschland einige Kinder, die sozial besonders gefährdet waren. Obwohl die Möglichkeit bestand, die Armenschule kostenlos zu besuchen, lebten sie vom Betteln und vom Diebstahl. Der Greizer Verein für Innere Mission schlug deshalb schon 1849 vor, diese Kinder aus dem Einzugsgebiet des Fürstentums der Fürsorge eines sogenannten Rettungshauses anzuvertrauen. Durch Unterricht und einen geregelten Tagesablauf sollten sie auf den rechten Weg gebracht werden, um später ihren Lebensunterhalt mit ehrlicher Hand zu verdienen. Am 07. März 1850 wurde das Rettungshaus zunächst im fürstlichen Kammergut in Waldhaus eröffnet, allerdings gleichzeitig die Vorbereitungen dafür getroffen, dass die alte Ziegelhütte in Obergrochlitz künftige Herberge des Rettungshauses werden konnte. Das Anwesen überließ der regierende Fürst Heinrich XX. nebst dem dazugehörigen Areal und 600 Thalern für notwendige Baumaßnahmen.
Der Aufenthalt der Kinder in Waldhaus währte tatsächlich nicht lange. Am 14. November ]r erfolgte der Umzug in das Wohnhaus der ehemaligen Ziegelei nach Obergrochlitz. Die Räume waren für die 15 Kinder sehr knapp, so dass auch der Dachboden als Nachtlager mit benutzt werden musste. Mit der Bestätigung der Stiftungsurkunde am 28. Januar 1851 erhielt das Rettungshaus den Namen „Carolinenfeld", da die Fürstin Caroline sich ganz entscheidend für das Werden des Rettungshauses eingesetzt hatte. Auch später lässt sich das rege Interesse der Landesmutter an „ihr Haus" in der Hauschronik nachweisen, denn ungefähr alle 14 Tage weilte sie persönlich zu Gast bei den Obergrochlitzer Zöglingen. Begleitet wurde sie gewöhnlich von ihren Kindern oder anderen Honoratioren der Stadt, die dann natürlich auch Geschenke mitbrachten.

In den folgenden Jahren errichtete man weitere Gebäude für die Knaben und Mädchen des Heimes. Als im Mai 1887 einem Zögling Streichhölzer in die Hand gekommen waren, die er dann in der Scheune ausprobierte, brannten Scheune und Stall unrettbar nieder. Verschiedene Spenden und die Gelder der Feuerversicherung ermöglichten jedoch, sofort an den Wiederaufbau in verbesserter Form zu denken.
Die Einweihung des neuen Gebäudes fand am 11. Dezember 1887 statt.
Bis zur Jahrhundertwende wurden 213 Knaben und 106 Mädchen betreut, wobei die Belegung zwischen 16 und 27 Zöglingen schwankte. Unterricht erhielten die Kinder entweder durch den Hausvater, einen Rettungshauslehrer oder in der Caselwitzer Schule. Die erste Anstellung eines hauseigenen Lehrers erfolgt 1854. Dieser blieb bis 1857. Später wurden oft die Absolventen des Greizer Lehrerseminars ins Rettungshaus berufen. Hier konnten sie ihre erste Probe von dem abgeben, was sie gelernt hatten. Zu diesen Lehrern gehörte auch der spätere Greizer Mundartdichter Gotthold Roth, der von 1885 bis 1887 hier unterrichtete.
Die Anzahl der Zöglinge stieg bis zum Jahresende 1899 auf 33. Als der Vorstand des Vereins für Innere Mission eine Ortsbesichtigung durchführte, kam man zu dem Ergebnis, daß die zur Verfügung stehenden Räume den derzeitigen Erfordernissen nicht mehr gerecht wurde. Besonders die Schlafstätte der Jungen auf dem Dachboden wurde beanstandet, da dort im Winter Schnee durch die undichte Abdeckung hereinwehte. Einen Neubau schob man aber zunächst auf die lange Bank, da die Belegung des Hauses etwas zurückging. Erst im Frühjahr 1908 errichtete man schließlich das bis dato grösste Gebäude, welches im Rahmen der Carolinenfeld-Baumaßnahmen um 2000 abgerissen wurde. Am 29. September 1908 weihten es Honoratioren und Kinder mit fröhlichen Dankesliedern ein. Mit großer Freude zogen nun die Kinder aus den beengten Verhältnissen in die neuen Schlaf- und Tagesräume ein. Aber bald tauchte ein neues Problem auf, da die meisten Zimmer des Hauses im Winter nicht beheizt werden konnten. In den kalten Räumen konnte man zwar schlafen, sich aber nicht aufhalten. Als der Frost in die Räume eindrang, war auch der Waschraum nicht mehr zu benutzen, da die Wasserleitung abgestellt werden musste. Diesen Missständen wurde erst im darauffolgenden Jahr entgegengewirkt.
Der wachsende Wohlstand und die Sozialgesetzgebung im Deutschen Reich hatten zur Folge, dass immer weniger Kinder in Rettungshäuser aufgenommen werden mussten. Rechnete man 1908 noch damit, dass der Zugang an Zöglingen weiter steigen würde, so hatte man sich darin gründlich getäuscht. 1911 waren nur noch sieben Kinder im Heim, 1921 sogar nur noch vier. Deshalb kam man mit dem Vorstand des Greizer Waisenhauses überein, dass deren zwölf Kinder ins Carolinenfeld kommen sollten. Dies geschah am 1. Oktober 1922. Damit wurde aus dem Haus für verwahrloste Kinder ein Haus für elternlose Kinder. Von Oktober 1929 bis 1945 leitete Philipp Kayser als Hausvater das Waisenhaus. Nach dem Ausbruch des 2. Weltkrieges wurden auch Kinder aus den westlichen bombengefährdeten Gebieten aufgenommen, später kamen auch Flüchtlingskinder aus dem Osten dazu. Als schließlich die Kinder aus dem Waisenhaus Fraustadt/Schlesien hier ankamen, war das Heim völlig überbelegt, und der seit 1935 nicht mehr benutzte Schulraum wurde neuer Unterkunftsraum. Nach dem Krieg stand der weitere Bestand des Carolinenfeldes auf dem Spiel. Da der Verein für Innere Mission vor allem auf die Spenden der Unternehmer angewiesen war, ergab sich mit der Enteignung vieler dieser Förderer eine prekäre Lage. Schließlich musste auf Grund der gesellschaftlichen Umwälzungen im Osten Deutschlands der Trägerverein seine Selbständigkeit ganz aufgeben. Nur knapp entging das Carolinenfeld der Verstaatlichung. Damals war es wohl ein Glücksfall, dass der aus Schlesien ausgesiedelte Diakon Max Weikert sich in Greiz befand und nach einigen Überlegungen den Dienst des Hausvaters am 14. November 1950 übernahm. Allerdings musste er sehr bald feststellen, dass ein christliches Heim bei den staatlichen Stellen nicht mehr gefragt war und deshalb dem Heim keine Waisenkinder mehr zugewiesen wurden. Als die Kinder ausblieben, machte Diakon Weikert den Vorschlag, behinderte Kinder aufzunehmen. Die thüringische Landeskirche nahm darauf Fühlung mit den zuständigen Stellen auf und erhielt ein positives Signal. Die Hauseltern scheuten sich nicht vor dieser schweren Arbeit. Für die Mitarbeiter war es nicht einfach, sich umzustellen. Aber nur manche suchten sich eine neue Arbeit, als aus dem Waisenhaus ein Pflege- und Förderheim für behinderte Kinder wurde.
Das Carolinenfeld von 1950 bis heute
von Dietmar Uhlig

Geistig behinderte Kinder im Carolinenfeld; daran mussten sich die Obergrochlitzer erst einmal gewöhnen! Umgangssprachlich ist es bis heute bei vielen das „Waisenhaus" geblieben. Das Heim war von den räumlichen Voraussetzungen her für seine neuen Bewohner nicht gut geeignet. Und die schlechten Zeiten ließen schnelle Abhilfe nicht zu. So sollten die nächsten Jahrzehnte geprägt sein von zwar schwierigen Lebens- und Arbeitsbedingungen, doch wurde das Pflege- und Förderheim vielen behinderten Menschen ein Zuhause, einigen von ihnen bis heute.
Im Laufe der Jahre ermöglichten Spenden viele Verbesserungen. So konnten 1956 neue Schlafräume bezogen werden, Bereitschaftszimmer, Eß- und Aufenthaltsraum, eine vergrößerte Küche und weitere Nebenräume erleichterten hinfort die Arbeit. 1960 löste endlich eine Zentralheizung die gefährlichen Sägespäneöfen ab.
Weitere Fortschritte brachten Um- und Anbauten in den sechziger Jahren. Der Wunsch nach einem Neubau bestand, ließ sich aber zu dieser Zeit nicht realisieren.
1968 gingen die Hauseltern Weikert in den Ruhestand, und der junge Diakon Gerhard Jalowski wurde neuer Hausvater.
Wie sein Vorgänger sah er sich zwei Hauptproblemen gegenüber: Das Gebäude mit seinen großen Schlafsälen, den

ungenügenden sanitären Einrichtungen und den viel zu großen Behindertengruppen bot kaum Möglichkeiten für Individualität der hier lebenden Kinder und Jugendlichen, ließ eine kontinuierliche Förderarbeit nicht zu. Das zweite Problem bestand darin, dass es zu wenig ausgebildetes Personal gab und dieses auch noch ständig wechselte.
1970 wurde die ehemalige Rettungshausschule abgebrochen, und an ihrer Stelle entstand ein Gebäude mit einer Arbeitstherapie und Mitarbeiterwohnungen.
1974 musste die früher lebensnotwendige Landwirtschaft aufgegeben werden, sie rentierte sich einfach nicht mehr. Im gleichen Jahr begann der so dringend notwendige Wohnheimneubau, später das „Wunder von Carolinenfeld" genannt. Ohne
gesicherte Finanzierung und trotz noch ausstehenden Genehmigungen, aber dafür mit viel Gottvertrauen, wurde die gewaltige Aufgabe angepackt und in fünfjähriger Bauzeit im wesentlichen von einem Maurerpolier und einigen geschickten und
fleißigen Bewohnern des Heimes bewältigt und überwiegend aus Spendenmitteln bezahlt.
Den ins neue Heim einziehenden behinderten Menschen eröffnete sich eine völlig neue Lebensqualität. Glücklicherweise bildete sich nun auch eine stabile und engagierte Mitarbeiterschaft heraus. In den folgenden Jahren entstand u.a. ein Mehrzweckgebäude mit Wäscherei, Versammlungsraum, Therapieräumen und Wohnungen.
Die Wiedervereinigung 1989 brachte in der Behindertenhilfe durch die Übernahme bundesdeutschen Rechts viele positive Veränderungen mit sich, stellte aber auch vor große Herausforderungen. Dazu gehörte die Schulpflicht auch für geistig behinderte Kinder.
Im Carolinenfeld begann mit dem Schuljahr 1991/92 der Schulbetrieb in den vorhandenen Räumen. Nach dem Wechsel der Behinderten und Mitarbeiter des Rehazentrums Greiz aus der Trägerschaft des Gesundheitswesens zur Diakonie musste dringend das Raumproblem gelöst werden. Eine willkommene Chance ergab sich durch die von den zuständigen Ämtern beschlossene Schließung des Regelschulteils der Obergrochlitzer Schule wegen zu geringer Schülerzahl. Dieser Gebäudeteil wurde zur Förderschule ausgebaut und ermöglichte dadurch den Erhalt der Grundschule in Obergrochlitz. Die konzeptionelle und organisatorische Zusammenarbeit beider Schulen stellt ein viel beachtetes und erfolgreiches Projekt dar.

1994 löste sich das „Carolinenfeld" durch Vereinsgründung aus der Treuhandschaft des Diakonischen Werkes und hat seither den Status einer selbständigen diakonischen Einrichtung. 1996 wurde ein Einfamilienhaus auf dem Heimgelände von älteren Bewohnern bezogen, deren Lebensgeschichte untrennbar mit dem „Carolinenfeld" verbunden ist, in dem sie seit frühester Kindheit leben. Weiterhin konnte ein Einfamilienhaus in der Nachbarschaft erworben werden. 1997 nahm es eine frohe Schar behinderter Kinder als Wohnung in Besitz.
Nach der Fertigstellung eines Ersatzneubaus im Jahre 2001 und der kompletten Sanierung des bisherigen Haupthauses
2003/2004 bietet das Carolinenfeld Wohnangebote für Menschen mit Behinderung jeden Alters in höchster Qualität.
Im Wohnheim Carolinenfeld leben viele Menschen mit so schwerer Behinderung, dass sie nach Verlassen der
Förderschule nicht in der Werktstatt für behinderte Menschen arbeiten können. Für sie entstand als alternative
Betreuungsform 1994 der "Förder- und Betreuungsbereich".
Unter der Trägerschaft des Diakonievereins Carolinenfeld e. V. bieten inzwischen auch viele Beratungsstellen und ambulante Dienste den Menschen in der Region ihre kompetente Hilfe an.
So besteht und wirkt das „Carolinenfeld" als fester Bestandteil des Lebens in Obergrochlitz und darüber hinaus seit fast 150 Jahren im Sinne der menschenfreundlichen Fürstin Caroline.